MGMT „CONGRATULATIONS“

„Oracular Spectacular“ war 2008 das Konsensalbum, das Duo MGMT erwischte Publikum und Kritiker mit einer Breitseite voll hippieskem Indie-Pop. Ein Tanz-Bums jagte den Nächsten mit dem Höhepunkt des Mega-Hit „Kids“, dessen beglückend einfache Synthie-Hookline,einem, einmal gehört, nicht wieder aus dem Schädel ging.Groß war daher die Verwunderung, als die beiden Masterminds, Andrew Vanwyngarden und Ben Goldwasser ankündigten, aus dem nun erscheinenden Album keine Single veröffentlichen zu wollen, einfach weil sie keine Hits mehr produzieren wollten. „Congratulations“ ist dann tatsächlich eine Platte geworden, die mit dem Debüt nicht mehr viel zu tun hat. Und trotzdem vollgestopft mit Ohrwürmern ist. Man hört sie nur nicht sofort. Ein Hitalbum ohne Hits sozusagen. Beseelt vom psychedelischen Sound der Spätsechtziger knallen die Wunderknaben dem Hörer eine wunderbar-spinnerte Pop-Melange um die Ohren, gespickt mit dem Fundus ihres nerdigen Musikwissens. Love, The Zombies, die frühen Pink Floyd um Syd Barret, natürlich auch Brian Wilson`s Geniestreich „Pet Sounds“, nur das Beste und Feinste aus dem Popkatalog der Sechziger Jahre.Sphärische Orgelklänge, trällernde Kinderchöre,schräge Gitarren, barocker Cembalo Rock, Glamrock, alles kommt in den großen Mixer. Wem das zuviel Referenz und Namedropping ist:“Congratulations“ ist eine Platte für Nerds und Spurensucher genauso wie für zeitgemäßen Musikfreak, ein Album, das garantiert auch Ende 2010 ganz vorne in den Jahrescharts stehen wird.

MGMT

Congratulations

Columbia

PLATTE DES JAHRES 2009 LOVE AND CURSES THE REIGNING SOUNDS (USA)

„Love and Curses“ von den Reigning Sounds ist eine herrlich altmodische Platte und vielleicht gerade deshalb so genial. Während die angesagten Hipster wie The XX, dafür gelobt werden, dass sie die Pophistorie minimalisieren, interessieren sich die Reigning Sounds für diese referenzielle Art des Musikmachens überhaupt nicht. Weil sie auf ihre Art Pophistorie.sind. :Ein Stück wie „Something to hold onto“ passt wie die Faust auf`s Auge auf Dylans legendäres „Blonde on blonde“ Album, „The bells“ wäre problemlos in Springsteens Meisterwerk „Born to run“ untergekommen und „You can call me“ hätten die Stones natürlich auf eine ihrer frühen Platten gepackt. Da spielt es keine Rolle, wenn Kritiker, Bandchef Greg Cartwright attestieren, dass er nicht singen könne. Der Kerl klingt tatsächlich manchmal wie ein Klon von Bob Dylan und Tom Waits, dem man einen Haufen rostige Nägel in den Rachen geschmissen hätte. Der Magie der 14 Songs kann man sich trotzdem nicht entziehen, zu stark ist die Authenzität des Cartwright`schen Storytelling über ungenutzte Chancen und gebrochene Herzen. Wo andere in Selbstmitleid in zerfliessen, benutzen die Reigning Sounds das Stilmittel einer heiteren Melancholie, textlich, als auch musikalisch. Eine schönere und doch klarere Musik über die Vergänglichkeiten der Liebe wird sich auch 2009 schwer finden lassen.

The Reigning Sounds

Love and Curses

JACK PENATE „EVERYTHING IS NEW“

Kleiner Tipp für die coolen Indiefreaks:Schnell die neue Jack Penate besorgen, bevor man sich verschämt mit den Mainstreamfans beim Drogeriemarkt Müller oder bei Saturn in der langen Reihe anstellen muss. 2007 bretterte der Sunnyboy aus London mit dem besten Housemartins Gitarren- Geschrammel seit deren Auflösung 1988 in die Popcharts und galt als männliches Pendant zu Kate Nash. Die Gitarren hat er mit bei seinem neuen Album weitgehend zur Seite gelegt, dafür Percussions und Piano hervor gekramt und diese mit reichlich Afrobeat und Sambarhytmen unterlegt. So soulig wie es Simply Reds Lockenköpfchen Mick Hucknall immer sein wollte, so unverkrampft pathetisch wie es Gutmensch Bono nie werden wird, (noch) so charming wie man Robbie Williams vor seinen Depro-Tagen mochte, brettert Jack Penate auf seinem Zweitling „Everything is new“ in die Gehörgänge. Hit reiht sich an Hit, massenkompatibel und allesamt mit beängstigender Ohrwurmqualität. Gut vorstellbar, dass man diesen „Gute Laune Sound“ nach einer bestimmten Zeit nur noch in der Großraumdisco erträgt, jetzt allerdings macht`s Spass- und noch ist es ein kleiner Geheimtipp.

Jack Penàte

Everything is new

XL Recordings

GOSSIP „MUSIC FOR MEN“

2006 war die US-amerikanische Band Gossip noch die Indie Pop Sensation, knapp drei Jahre später ist das Trio nicht nur der absolute Medienliebling, sondern auf dem Sprung zu dem Top-Act der Musikbranche. Der schwergewichtigste Grund dafür ist Beth Ditto, Sängerin der Band, ein Meter fünfundfünfzig gross und 95 Kilo schwer. Ditto,offensiv bekennende Lesbe, mit White Trash Hintergrund, sieht im Pop das ideale Vehikel, um Themen wie Schlankheitswahn oder Homophobie zu thematisieren. Tat sie dass mit Gossip vor kurzem noch in kleinen Clubs vor einer überschaubaren Punk Gemeinde, sind es heute Karl Lagerfeld Modestrecken, bei denen sie sich, wie zuletzt in Paris, als Gegenpart zu den Bulimie Models ablichten liess. „Ein Symbol der Subervision, ein Fragezeichen hinter der Weltherrschaft der Heidi Klum“, orakelt die „Welt Online“ und die „Suddeutsche Zeitung“ sieht in Beth Ditto „sogar die erste seit Madonna, die man als so etwas wie ein weibliches Pop-Originalgenie bezeichnen könnte.“Die Hoffnung auf die eine Wiederbelebung der schon verlorenen geglaubten Verdichtung von Sounds, Looks und politischer Haltung? Vielleicht, leider ist dabei die Musik etwas auf der Strecke geblieben, denn Starproduzent Rick Rubin hat vom minimalistischen, treibenden Punk Sound so ziemlich alle Ecken und Kanten der Band weggeschliffen. Der Sound ist souliger, was ok, ist aber irgendwie schleicht sich der Gedanke in den Hinterkopf, dass Gossip sauberer und klinischer geworden sind. Der Dreck ist weg. Wie geschaffen für die Modeschauen und die Mainstreamradios dieser Welt. Ich mache jede Wette, dass es spätestens in zwei/drei Wochen kein Entrinnen mehr gibt und die Band im Dauerrotationslauf zu hören sein wird, leider

Neuer Heisser Scheiss (1)

Ist momentan neben vielen anderen eine Dame namens Ebony Bones, deren Debütalbum die Engländer durchdrehen lässt und die  Klaus Walter abschliessend wie folgt rezensiert: Ansonsten ist es ja Quatsch, die zwölf Superhits von Ebony als Album zu besprechen. Kein userlogisch agierender Fan wird dieses Patchfeuerwerk am Stück konsumieren, da droht Overload. Ideenvergiftung. Will heissen: Zunächst mal reicht ne Single, und da man  so etwas als Normalkonsument eher nicht kauft, ist es genug,  jungen Menschen beim Tanzen zu dieser Musik zuzuschauen. Mit Fußwippen natürlich. Für den Plattenschrank wäre eher eine Platte der kalifornischen Band Girls etwas. Dummerweise haben die noch keine draussen, so bleibt nur diesen zwar unspektakulären, vielleicht eben dafür tollen Sound zwischen Ramones und Sixties Pop auf dem Netz anzuhören. Net wundern, wenn man bei dem Stichwort Girls und San Francisco auf so seltsamen Seiten wie Sex for Sale landet.

THE STREETS: Everythings is just borrowed

„Die Leute fragen sich, ob ich ein Säufer, ein Rapper oder
ein Redner bin. Alles falsch. Ich bin ein Denker“ Ob Mike
Skinner neben den Gallagher Brüder wirklich die grösste
Klappe im Vereinigten Königreich hat, sei mal dahin
gestellt, falsche Bescheidenheit besitzt er auf jeden Fall
nicht. Warum auch? Das Debüt seines Projektes The Streets „
Orignal Pirate Material“ mit seinen eloquenten Raps über das
stinknormale Leben von stinknormalen Kids, vorgetragen im
allerbreitesten Cockney-Englisch, war 2001 schlicht  eine
Offenbarung. Auf demselben hohen Level folgte zwei Jahre
danach „A grand don’t come for free“, ehe sich bei seinem
dritten Album „The hardest way to make an easy living“ erste
kleinere Abnutzungserscheinungen zeigten, die davon zu
rühren schienen,dass Skinner sein überwältigender Erfolg in
eine erste Sinnkrise gestürzt hatte. Die er nun überwunden
zu scheint haben, denn sein aktuelles Album „Everything is
borrowed“ zeigt einen Mike Skinner in Hochform. Die
hektischen Breaks sind fast ganz verschwunden, der Bass
wummert weniger monströs, auch die Rotzigkeit der
Vorgängeralben hat Skinner zurückgenommen,. Dafür kommt das
Orchester nicht mehr aus dem Laptop, sondern aus Prag,
richtige Instrumente lassen The Streets nicht mehr wie ein
Ein Mann Projekt, sondern wie eine Band klingen. Die
allerdings nicht mehr über urbanen Nachtszenarien singt, die
alltäglichen Geschichten des englischen Alltages mit all
seinen  Abstürzen, Einsamkeiten und falschen
Freunden.vertont, sondern sich Gedanken über Klimaerwärmung
und zugrunde gehende Landschaften macht. Aus dem Rabauken
next door wird ein altermilder Musiker? Vielleicht, auf
jeden Fall ist „Everything is borrowed“ ein herrlich,
entspanntes Album geworden, musikalisch souverän, amüsant
und bedeutsam zugleich. Das gelingt nicht jedem Großmaul.
The Streets
Everything is borrowed
Warner